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Das Seminar für Ethnologie am Institut für Ethnologie und Philosophie

Die Ethnologie beschäftigt sich mit gegenwärtigen Kulturen und Gesellschaften weltweit. Dies beinhaltet, Probleme von Identität, Differenz, Ungleichheit und kultureller Übersetzung in ihrer Geschichtlichkeit, Prozesshaftigkeit und globalen Verflechtung aus einer kritischen Perspektive zu erfassen. Ethnologie beschreibt, analysiert und vergleicht die größtmögliche Bandbreite an menschlichen Kulturen und sozialen Institutionen. Während manche EthnologInnen sich auf Gesellschaften spezialisieren, die sich von ihren eigenen in Lebensstil, Größe und Geschichte stark unterscheiden, forschen andere „zu Hause“. In beiden Fällen gilt es jedoch, deren zahlreiche historische und gegenwärtige Beziehungen zueinander zu berücksichtigen: Es gibt keine isolierten Kulturen.

Das Fach hat sich im Laufe seiner relativ kurzen Geschichte stark gewandelt. Bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich die Ethnologie (in Deutschland lange „Völkerkunde“ und heute immer häufiger Sozial- und Kulturanthropologie genannt) überwiegend mit vormodernen, außereuropäischen Formen der Vergesellschaftung, während die übrigen Geistes- und Sozialwissenschaften ihren Blick auf den „Westen“ richteten. Diese einfache Arbeitsteilung funktioniert heute aus mehreren Gründen nicht mehr ohne weiteres. Zum einen sind die Geistes- und Sozialwissenschaften heute nicht mehr auf Euro-Amerika beschränkt. Zum anderen lässt sich das Forschungsfeld der Ethnologie nicht mehr durch den Gesellschaftstypus "vormodern" abgrenzen, weil jede zeitgenössische Gesellschaft, egal wie "abgelegen" oder marginal sie erscheinen mag, in globale Verflechtungen eingebunden ist. Zudem ist die Ethnologie in gewisser Weise „nach Hause“ zurückgekehrt und untersucht damit auch direkt Phänomene moderner, ausdifferenzierter Gesellschaften. Die wachsende Schwierigkeit, Disziplinen nach ihren Gegenständen auseinander zu halten, führte in den letzten fünfzig Jahren dazu, dass eher methodische und theoretische Fragen die Unterscheidungen ausmachen. Im Zentrum der ethnologischen Methodik steht die ethnographische Feldforschung, bei der durch teilnehmende Beobachtung Alltagspraktiken untersucht werden.

Gleichzeitig hat die Auseinandersetzung mit Gesellschaften und Kulturen außerhalb Europas und Nordamerikas heute an Bedeutung und Brisanz gewonnen. Neue Formen der militärischen Gewalt, der Globalisierung, der Herausbildung transnationaler Netzwerke (von MigrantInnen bis Finanzdienstleistungen) und einer umfassenden Mediatisierung der Welt, werfen neue Fragen nach dem Universalen, dem Anderen, der Gerechtigkeit und der Differenz auf. Damit hängt auch die aktuelle Forderung zusammen, von anderen Kulturen zu lernen und die Sichtblenden der euro-amerikanischen Kulturen durch den Umweg über das Fremde bewusst zu machen. Bemühungen zur Entschärfung von Konflikten und Katastrophen stehen ebenfalls im Spannungsfeld zwischen notwendigen Interventionen in intolerable Fehlentwicklungen auf der einen und hegemonialen, eurozentrischen Standardisierungen auf der anderen Seite.

Das Seminar für Ethnologie in Halle ist das jüngste ethnologische Institut in Deutschland. Es wurde im Jahr 2002 neu gegründet und an der Philosophischen Fakultät I verankert. Zwar erteilte bereits im Jahr 1919 die Philosophische Fakultät der Universität Halle dem später berühmt gewordenen Richard Thurnwald (1869-1954) die Lehrbefugnis für die Fächer Ethnologie und Völkerpsychologie. Nachdem Thurnwald 1922 nach Berlin ging, gab es allerdings bis 2002 keine weiteren Initiativen Ethnologie an der Universität Halle zu etablieren.

Die Gründung des Seminars für Ethnologie steht in direktem Zusammenhang mit der Gründung des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung im Jahre 1998. Als die Standortwahl auf Halle fiel, zog die Universität mit der Unterstützung der Landesregierung nach und gründete ihrerseits das "Institut für Ethnologie". Zusammen mit der Ethnologie der Universität Leipzig – das bereits 1914 gegründet wurde – und dem dortigen Grassi Museum für Völkerkunde bietet Mitteldeutschland damit eine ethnologische Forschungslandschaft von hohem internationalem Ansehen. Das Institut für Ethnologie der Martin-Luther-Universität ist regional und thematisch komplementär zum Institut für Ethnologie der Universität Leipzig ausgerichtet und ist in Forschung und Lehre eng mit dem Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, das sich in unmittelbarer Nähe befindet, verzahnt.

Das Seminar für Ethnologie in Halle hat sich innovativer Forschung und Lehre in einer Disziplin verschrieben, die sich laufend kritisch überdenkt. Diese Weiterentwicklungen der Ethnologie sehen unsere MitarbeiterInnen als vielversprechende Chancen für ein Fach, das wie kaum ein zweites eine globale und gegenwartsbezogene Perspektive mit lokaler Forschung im Kontext kultureller Differenz verbindet. Hallenser Ethnologie beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen in der ganzen Welt und trägt eine dezidiert ethnologische Perspektive zu den aktuellen Problemen der modernen globalen Gesellschaft bei. Die Auseinandersetzung mit realen Problem und Themen dieser geteilten globalen Gegenwart hat die Ethnologie nicht nur in Halle weit von einer Beschäftigung mit dem "Exotischen", das viele immer noch mit dem Fach Ethnologie assoziieren, entfernt. Stattdessen verfolgen wir eine kritische und verantwortungsbewusste Forschung und Lehre zu Fragen zunehmender Dringlichkeit in der gegenwärtigen Welt.

Feldforschung – im globalen Süden oder in Europa – ist am Seminar für Ethnologie, neben der historisch-vergleichenden Forschung, der zentrale (und definierende) Aspekt der ethnologischen Arbeit. Die Ausbildung in qualitativen Methoden und im ethnographischen Schreiben steht daher auch zentral in den Bachelor und Masterstudiengängen. Im Master Ethnologie 120 LP ist eine Lehrforschung von bis zu 3 Monaten integraler Bestandteil des Curriculums. Aktuelle Forschungsprojekte der MitarbeiterInnen am Seminar finden derzeit in Afrika, Europa und im Indischen Ozean statt.

Das Seminar für Ethnologie bietet ein Bachelor Studienprogramm mit 60 und 90 LP an, sowie zwei Master Studienprogramme mit 45, 75 und 120 LP. Die Bachelorprogramme sowie Master 45/75 sind kombinierte Studienprogramme, in denen Studierende ihr Kombinationsfach frei aus dem reichhaltigen Studienangebot an der Martin-Luther-Universität wählen können. Unsere Masterprogramme sind zweisprachig (Deutsch und Englisch) und werden in enger Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung durchgeführt. Der Master Ethnologie 120 LP ist stark forschungsorientiert und hat eine betreutes empirisches Projekt im Zentrum der Ausbildung.

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