Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Peter Kneitz

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Peter Kneitz

Im Mittelpunkt meines ethnographischen Forschungsinteresses stehen seit mehr als zwei Jahrzehnten Aspekte der politischen Kultur und Dynamik auf der Insel Madagaskar im Indischen Ozean. Derzeit untersuche ich die Besonderheiten der neuzeitlichen madagassischen Konsenskultur und der langfristigen Wende hin zur Normativität einer friedlichen Gesellschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die jüngste politische Krise (2009-2014) und die aktuellen Gesellschaftsentwicklungen. Ich habe mich außerdem mit der lokalen Praxis von Solidarität (fihavanana) und ihrer Bedeutung im Rahmen von Krisen und Konflikten an der madagassischen Westküste auseinandergesetzt. Die Sakalava-Köngreiche im Westen Madagaskars bildeten einen weiteren Schwerpunkt meiner Forschungen. Ich habe zu ihrer politischen Entwicklung seit ihrer Entstehung im 17. Jahrhundert geforscht, Probleme ihrer historischen Rekonstruktion herausgearbeitet sowie zugehörige Identitätsprozesse und insbesondere die Besonderheit der neuzeitlichen Transformation der Königreiche in neo-traditionale Besessenheitskulte analysiert.

Diese Fallstudien habe ich auf verschiedene Weise in ein theoretisches Forschungs- und Erklärungsinteresse eingebettet, z.B. bezogen auf die Eigentümlichkeit neo-traditionaler Konfigurationen, der politischen Dynamik von Königreichen, der postkolonialen (afrikanischen) Entwicklung, der Bedingungen von Konflikt und Konfliktlösung oder der Bedeutung des Zusammenhangs von Normativität und Konsens. Wie kann es sein, so frage ich mich jetzt im Rahmen meines laufenden Forschungsprojektes, dass sich auf Madagaskar ausgerechnet mit der Kolonialisierung und im Kontext des so problematischen 20. Jahrhundert eine Wende von Krieg hin zur Norm und erfolgreichen Praxis einer friedlichen Gesellschaft ergeben hat? Und in welcher Weise können die Ergebnisse dazu beitragen, die bekannte Argumentation einer scheinbar unausweichlichen postkolonialen Konfliktdynamik zu hinterfragen?

Darüber hinaus frage ich auch nach kulturellen Langzeit- und Tiefenprozessen: Was ist denn der Motor jener eigentümlichen Kulturentfaltung, der die Menschheit seit rund 10.000 Jahren vorantreibt? Die Wurzel dieser Explosion muss, so ein zentrales Ergebnis, im Menschen selbst liegen, in seiner Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung. Entsprechend geht es darum, die bahnbrechenden Ergebnisse der Gehirnforschung und Entwicklungspsychologie aufzunehmen und einen kulturtheoretischen Zusammenhang von Sozialisation, Gesellschaft und Kultur zu erschließen.

Forschungsinteressen in Stichpunkten:

Allgemein: Politik, Krieg und Frieden, die Besonderheit friedlicher Gesellschaften, Normativität und Peacebuilding, neo-traditionale Strukturen im Kontext moderner Zivilgesellschaften, politische Dynamik vorkolonialer Königreiche, Besessenheitskult, Modernisierung, Ethnohistorie und historische Rekonstruktion, Kulturwandel und Sozialisation,

Geographisch/Ethnisch: Madagaskar, Kulturraum Indischer Ozean, Sakalava

Aktuelles Forschungsprojekt

Derzeit erforsche ich die Besonderheit der madagassischen Konsenskultur im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojektes.

Die erfolgreiche Lösung der jüngsten politischen Krise auf der Insel Madagaskar in den Jahren 2009-14 bestätigt einen bemerkenswerten Befund: Die vorkoloniale Alltäglichkeit von Krieg ist im Laufe des 20. Jahrhunderts durch die Präferenz konsensualer Konfliktlösungsstrategien ersetzt worden. Wie ist diese außergewöhnliche Wende von Krieg zu Frieden, die sich weitgehend autonom und beiläufig vollzogen hat, auf der mit beinahe 25 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Insel im Indischen Ozean zu erklären?

Das am Seminar für Ethnologie der Universität Halle eingeworbene und von der Europäischen Kommission im Rahmen des Horizont 2020-Programms geförderte Forschungsprojekt widmet sich dieser Frage unter dem Titel „Dynamiken der Solidarität auf Madagaskar“ (DySoMa). Ziel ist es, die Besonderheit der gegenwärtigen madagassischen Konsenskultur herauszuarbeiten, den langfristigen und bemerkenswert erfolgreichen Transformationsprozess zu erklären sowie die Ergebnisse in vergleichender Weise in die übergeordnete Diskussion der Friedens- und Konfliktforschung einzuordnen. Im Rahmen der zweijährigen ethnologischen Feldforschung werden dazu die spezifischen Strukturen und Institutionen der Konsensverhandlung auf nationaler und lokaler Ebene untersucht. Die Erkundung grundlegender normativer Vorstellungen von Solidarität (fihavanana) sowie die Erarbeitung des langfristigen historischen Wandels stellen weitere wichtige Bausteine für das Forschungsprogramm dar.

Was sind die Ursachen von Krieg und Frieden? Das DySoMa-Forschungsunternehmen erlaubt es, diese so grundsätzliche Frage einmal anhand eines erfolgreichen Beispielfalls aufzugreifen.  Damit können ausgehend von einer wenig genutzten Perspektive in voraussehbarer Weise neue Anstöße für die so überaus dringliche – fachliche und gesellschaftliche – Diskussion von Konflikt und Konfliktbefriedung geliefert werden.

https://blogs.urz.uni-halle.de/dysoma/

This project has received funding from the European Union's Framework Programme for Research and Innovation Horizon 2020 (2014-2020) under the Marie Sklodowska-Curie Grant Agreement No. 702497 - DySoMa.

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